Nächtlicher Lichtfang
mit betreutem Leuchtturm
im Kaiserstuhl.

Das Nachtfalter-Projekt verbindet die Auswertung umfangreicher historischer Aufzeichnungen mit einer zweijährigen systematischen Erhebung (2019–2020) in 25 über das Land verteilten Untersuchungsgebieten. In diesen zwei Jahren wurden aktuelle Nachtfalterdaten gezielt erhoben und durch weitere Nachweise aus der Zeit ab 2001 ergänzt.
Erst der Vergleich dieser aktuellen Daten mit den historischen Aufzeichnungen aus der Zeit bis zum Jahr 2000 macht sichtbar, wie tiefgreifend sich die Zusammensetzung der Arten in den letzten Jahrzehnten verändert hat.
Nachtfalter erlauben eine ungewöhnlich präzise Analyse von Landschaftsveränderungen – weit über das hinaus, was viele andere Insektengruppen leisten können.
Viele Untersuchungen konzentrieren sich auf gut sichtbare oder vergleichsweise artenarme Gruppen wie Tagfalter, Libellen oder Heuschrecken. Das ist praktikabel, liefert aber oft nur begrenzte Aussagen.
Die deutlich artenreicheren Nachtfalter – in Baden-Württemberg rund 950 Arten – erlauben dagegen eine wesentlich differenziertere Bewertung von Veränderungen in Landschaften und Lebensräumen.
Nachtfalter sind mobil genug, um auch kurzfristige Veränderungen abzubilden, zugleich aber in ihrer Lebensweise oft eng an bestimmte Lebensräume gebunden. Diese Kombination macht sie zu besonders geeigneten Indikatoren, um ökologische Veränderungen nicht nur festzustellen, sondern genauer einzuordnen.
Diese hohe Empfindlichkeit zeigt sich nicht nur in einzelnen Entwicklungsstadien bestimmter Arten, sondern auch im Gesamtbild der Arten, die in einer Landschaft vorkommen. Betrachtet man, welche Nachtfalterarten vorhanden sind – und welche fehlen –, lassen sich ökologische Veränderungen besonders genau ablesen.
Auf dieser Grundlage lässt sich anhand der heutigen Artenzusammensetzung bewerten, wie sich Lebensräume verändert haben – und diese Veränderungen lassen sich über lange Zeiträume hinweg nachvollziehen.
Die 25 Untersuchungsgebiete wurden gezielt ausgewählt, weil sie einen hohen Anteil an wertgebenden Nachtfalterarten aufweisen und zugleich über eine belastbare historische Datenbasis verfügen.
Sie repräsentieren alle wichtigen Naturräume sowie alle hochwertigen Offenland-Biotoptypen des Landes.
Gerade weil es sich um besonders gut erhaltene und fachlich bedeutende Gebiete handelt, erlauben die dort festgestellten Veränderungen aussagekräftige Rückschlüsse auf den Zustand der Landschaften insgesamt. Arten, die hier fehlen, fehlen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in den restlichen Landesteilen!
Jedes Untersuchungsgebiet entspricht einem Quadranten der Topographischen Karte 1:25.000 (TK25) und umfasst eine Fläche von rund 6 × 6 Kilometern.
In jedem Untersuchungsgebiet wurden an drei festen Standorten während der Flugzeit die Nachtfalter mithilfe von Lichtfängen erfasst. Ergänzend fanden Kurzerfassungen und Tagesbegehungen statt.
Die 25 Untersuchungsgebiete mit jeweils rund 6 × 6 Kilometern Fläche liegen in naturschutzfachlich besonders hochwertigen Landschaften Baden-Württembergs. Sie stehen exemplarisch für zentrale Lebensräume.
(Eine ausführliche Bebilderung und Charakterisierung aller Untersuchungsgebiete findet sich im begleitenden Buch.)
Die Erfassung der Nachtfalter erfolgte über zwei Jahre (2019 und 2020) und kombinierte mehrere sich ergänzende Methoden. Ziel war es, die Nachtfalterfauna der Untersuchungsgebiete möglichst vollständig und vergleichbar zu erfassen.
Im Mittelpunkt standen nächtliche Lichtfänge an festen Standorten. Ergänzend wurden Kurzerfassungen und Tagesbegehungen durchgeführt, um auch solche Arten zu erfassen, die nur selten oder gar nicht ans Licht kommen.
(Eine ausführliche Beschreibung der Methodik findet sich im begleitenden Buch.)
An jedem der drei festen Leuchtpunkte pro Untersuchungsgebiet wurden zehn Lichtfänge durchgeführt.
Insgesamt ergibt sich damit für den Zeitraum 2019–2020:
Diese hohe Zahl standardisierter Erfassungen bildet die Grundlage für belastbare Vergleiche zwischen Gebieten und Zeiträumen.
Für den Vergleich über mehrere Jahrzehnte ist eine belastbare historische Datenbasis unverzichtbar.
Bei der Auswahl der 25 Untersuchungsgebiete wurde deshalb darauf geachtet, dass für sie möglichst vollständige Artenlisten aus dem Zeitraum 1971–2000 vorlagen.
Aus diesem Grund fand das Monitoring überwiegend in naturschutzfachlich besonders hochwertigen Gebieten statt. Nur dort waren durch frühere Sammlertätigkeit und beauftragte Studien ausreichend historische Daten vorhanden, um die Veränderungen der letzten 50 Jahre verlässlich nachvollziehen zu können.
Damit Veränderungen nicht durch unterschiedliche Erfassungsumfänge verzerrt werden, ist eine vergleichbare Erfassungsintensität im historischen und im aktuellen Zeitraum entscheidend.
Ein Anhaltspunkt dafür ist die Anzahl der Datensätze.
Ein Datensatz bezeichnet den Nachweis einer Art an einem bestimmten Ort an einem bestimmten Tag – unabhängig von der Anzahl der beobachteten Individuen.
So zählt beispielsweise der Nachweis einer Art an einem Leuchttermin als ein Datensatz, ebenso wie der Nachweis einer zweiten Art am selben Ort und Tag.
Wurden z.B. im Kaiserstuhl am 16. September neun Graslilieneulen gezählt, so ergibt dies einen (1!) Datensatz. Vier am selben Leuchttermin und Ort erfasste Eichenwald-Winkeleulen stellen einen zweiten Datensatz dar.
Anzahl der Datensätze im historischen und im aktuellen Zeitraum (1970–2020)
(auf allen 25 Untersuchungsgebieten)
Anzahl der Datensätze im historischen und im aktuellen Zeitraum (1970–2020)
dargestellt für alle 25 Untersuchungsgebiete.
Für die Bewertung langfristiger Veränderungen ist entscheidend, wie intensiv die Flächen in beiden Zeiträumen untersucht wurden. Unterschiede in der Anzahl der Datensätze allein sind dabei kein exaktes Maß für die Erfassungsqualität, sondern spiegeln auch Veränderungen der Artenvielfalt wider.
So stehen rund 81.000 Datensätze aus dem historischen Zeitraum etwa 51.000 Datensätzen aus dem aktuellen Monitoring gegenüber. Der historische Zeitraum umfasst dabei rund 30 Jahre, der aktuelle rund 20 Jahre.
Ausschlaggebend ist jedoch nicht die absolute Zahl der Datensätze, sondern die Erfassungsintensität: In beiden Zeiträumen wurden die Flächen so intensiv untersucht, dass durch zusätzliche Begehungen keine oder kaum weitere Arten mehr zu erwarten waren. Die Artenlisten gelten damit in beiden Zeiträumen als weitgehend vollständig.
Diese Voraussetzung ist entscheidend, um Veränderungen der Artenvielfalt verlässlich vergleichen zu können.
Auf dieser Grundlage lassen sich die Veränderungen der Nachtfalterfauna der letzten 50 Jahre fundiert auswerten.