Morgendämmerung im Kaiserstuhl
Anhand der Nachtfalter lässt sich der Zustand dieser Landschaft genau ablesen

Nachtfalter entziehen sich meist dem Blick der Öffentlichkeit – viele Menschen halten ihren Rückgang deshalb für ein Randthema.
Tatsächlich stehen Nachtfalter aber exemplarisch für den Zustand ganzer Lebensräume: Sie reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt. Ihr Rückgang zeigt, dass ganze Lebensräume unter Druck geraten – mit Folgen für Artenvielfalt und Funktionsfähigkeit von Landschaften insgesamt.
Die Krefeld-Studiehat das Insektensterben erstmals in seiner ganzen Dimension sichtbar gemacht. Sie belegte einen drastischen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten – zwischen 1989 und 2016 um mehr als 70 Prozent.
Nachtfalter stehen exemplarisch für viele andere Artengruppen. Sie sind eng in Nahrungsnetze eingebunden und reagieren sensibel auf Veränderungen von Vegetation, Landnutzung und Klima. Wenn Nachtfalterarten verschwinden, ist das ein Hinweis darauf, dass ökologische Funktionen insgesamt unter Druck geraten.
Biomasse-Daten wie aus der Krefeld-Studie zeigen, dass Insekten stark zurückgehen. Sie machen das Ausmaß sichtbar, lassen aber offen, was genau verschwindet und warum.
Hier setzt die Betrachtung einzelner Arten an:
Viele Nachtfalterarten haben eng definierte ökologische Ansprüche – an Nahrungspflanzen, Mikroklima oder Bewirtschaftung. Wenn sie verschwinden, lässt sich daraus konkret ablesen, welche Lebensbedingungen sich verschlechtert haben und welche Faktoren die Lebensräume beeinträchtigen.
Doch auch Artenerfassungen alleine bleiben eine Momentaufnahme.
Langzeitdaten machen erkennbar, wie schnell Verluste voranschreiten, ob sich Artenzusammensetzungen systematisch verschieben – und ob Schutzmaßnahmen ausreichend gegensteuern können.
Ihre Erhebung erfordert jahrelange, aufwändige Feldarbeit und vor allem verlässliche historische Vergleichsdaten. In Baden-Württemberg kam ein besonderer Glücksfall hinzu:
Durch frühere Sammlungstätigkeiten und Erhebungen lagen umfangreiche historische Aufzeichnungen zur Nachtfalterfauna vor. Erst diese Datenbasis ermöglicht es, die heutige Situation mit dem Zustand vor Jahrzehnten zu vergleichen und Entwicklungen über einen Zeitraum von rund 50 Jahren sichtbar zu machen.
Rahmenbedingungen
Dass diese historischen Daten mit aktuellen Erhebungen systematisch zusammengeführt werden konnten, ist jedoch kein Selbstläufer. In Baden-Württemberg wurde 2017 ein eigenes Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt aufgelegt. Es stellte unter anderem Mittel für die landesweite Erfassung von Insektenpopulationen bereit – und schuf damit die Voraussetzungen für einen Vergleich mit historischen Daten.
Erst durch dieses Programm wurde es möglich, Langzeitdaten auf diesem Niveau auszuwerten – und damit nicht nur einen weiteren Beleg für das Ausmaß des Insektensterbens zu erbringen, sondern auch seine Ursachen und Dynamiken zu verstehen.
Das landesweite Nachtfalter-Monitoring wurde von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg(LUBW) und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe (SMNK) gemeinsam konzipiert.
Die LUBW beauftragte das SMNK mit der Koordination des Projektes.
Die fachliche Ausarbeitung des Monitorings sowie die Auswertung der erhobenen Daten wurden an Oliver Karbiener, Büro für Landschaftsökologie ABL in Freiburgvergeben.
Die Daten-Erhebungen in den Untersuchungsflächen erfolgten durch folgende Kartiererinnen und Kartierer:
Iris Asal-Brunner, Joachim Asal, Walter Bantle, Daniel Bartsch,
Petra Birkwald, Ralf Bolz, Armin Dett, Hermann-Josef Falkenhahn, Herbert Fuchs, Stefan Hafner, Karl Hofsäss, Oliver Karbiener, Uwe Knorr, Jörg-Uwe Meineke, Rolf Mörtter, Georg Paulus, Erwin Rennwald, Rudolf Schick & Axel Steiner.
landesweit verteilt, repräsentativ für hochwertige Lebensräume
Untersucht wurden naturschutzfachlich besonders hochwertige Gebiete, für die ausreichend historische Daten vorlagen und die als letzte Rückzugsräume vieler spezialisierter Nachtfalterarten gelten. Gerade diese Gebiete erlauben belastbare Aussagen zur langfristigen Entwicklung – und machen sichtbar, dass selbst in Schutzgebieten erhebliche Verluste auftreten.
In allen 25 Untersuchungsgebieten wurden die heutigen Nachtfalter-Vorkommen systematisch erfasst und mit den jeweils vorhandenen historischen Daten verglichen.


Die Langzeitdaten zeigen: Selbst in gut geschützten Gebieten gehen ökologisch wertvolle Nachtfalterarten stark zurück. Die bestehenden Schutzgebiete allein reichen für ihre Erhaltung nicht mehr aus.
Der Rückgang der Nachtfalter ist damit kein isoliertes Artenproblem, sondern ein Hinweis darauf, dass ökologische Systeme ihre Belastungsgrenzen erreichen.
Was hier sichtbar wird, betrifft viele weitere Artengruppen, für die Nachtfalter stellvertretend stehen – und letztlich die Funktionsfähigkeit unserer Landschaften insgesamt.
Was das konkret bedeutet, wird auf den folgenden Seiten dargestellt:
Während des 2-jährigen Monitorings wurde mit 650 Lichtfängen und zahlreichen Begehungen die aktuelle Nachtfalterfauna in 25 besonders hochwertigen Gebieten erhoben und die Ergebnisse mit historischen Daten verglichen.
Es wurden 90.000 Falter und 850 Arten dokumentiert. Der Vergleich mit den historischen Daten zeigt, dass die Nachtfalterfauna von starken Rückgängen und tiefgreifenden Veränderungen betroffen ist.
Die Gründe für die starke Abnahme der Biodiversität sind multifaktoriell. Insbesondere der Verlust von Biotopen, die intensive Landwirtschaft mit hohen Pestizid- und Stickstoff-Emissionen, aber auch der Klimawandel sind Treiber der negativen Entwicklung.
Die Ergebnisse auf dieser Website sind bewusst stark zusammengefasst und allgemeinverständlich aufbereitet.
Die zentralen Befunde der Untersuchung wurden im internationalen Fachjournal Biological Conservation veröffentlicht und im Rahmen eines Peer-Review-Verfahrens wissenschaftlich begutachtet.
Die vollständige Auswertung mit allen Daten, Abbildungen und Gebietsbeschreibungen ist im begleitenden Buch dokumentiert:
Während diese Website nur einen stark verkürzten Ausschnitt der Ergebnisse des Monitorings enthält, werden in dem hochwertigen Doppelband alle 25 Untersuchungsgebiete und die Veränderung ihrer Nachtfalter-Fauna anhand zahlreicher Abbildungen, Diagramme und Fotos ausführlich dargestellt.
Zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Grundlagenwerkes „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“ vermittelt der Doppelband erstmals wieder einen gründlichen Überblick über die aktuelle Bestandsentwicklung der Nachtfalter des südwestdeutschen Bundeslandes.

ISBN 9783925631184
Oliver Karbiener & Robert Trusch
Unter Mitarbeit von Ulrike Eberius, Michael Falkenberg, Axel Hofmann, Karl Hofsäss, Jörg-Uwe Meineke, Ulrich Ratzel, Rudolf Schick und Axel Steiner.
2 Bände, 808 Seiten.
Mit 620 Abbildungen, 158 Tabellen, 1 Anlage.
Hallmann, C. A, Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H., Stenmans, W., Müller, A., Sumser, H., Hörren, T., Goulson, D. & de Kroon, H. (2017):
Losses of specialist and expansion of thermophilic generalist macro-moths in nature reserves of Central Europe.
PLoS Biological Conservation, 314, 111646.
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2025.111646
Habel, J. C., Trusch, R., Karbiener, O., Schmitt, T., & Ulrich, W. (2026).
Losses of specialist and expansion of thermophilic generalist macro-moths in nature reserves of Central Europe.
PLoS Biological Conservation, 314, 111646.
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2025.111646
Die LUBW baut seit 2018 ein landesweites Insektenmonitoringauf. Ausgewählte Insektengruppen werden mit standardisierten Methoden in regelmäßigen Zeitabständen erfasst.
Verantwortlich für das Insektenmonitoring und für die Betreuung der dieser Website zugrundeliegenden Studie "Wandel der Nachtfalterfauna Baden-Württembergs seit 1970" ist Dr. Florian Theves.
Postfach 10 01 63
76231 Karlsruhe
Telefon: 0721/5600 – 0
Erbprinzenstraße 13,
76133 Karlsruhe
www.smnk.de
Das Naturkundemuseum Karlsruhe zählt dank seiner herausragenden Sammlungen und Forschungsaktivitäten zu den großen naturkundlichen Museen Deutschlands. Dazu trägt auch die zweifache Bedeutung des Hauses als wissenschaftliches Forschungsinstitut sowie als besucherorientiertes Museum bei.
Verantwortlich für das Insektenmonitoring und für die Betreuung der dieser Website zugrundeliegenden Studie "Wandel der Nachtfalterfauna Baden-Württembergs seit 1970" ist Dr. Robert Trusch.
Bürogemeinschaft für Landschaftsökologie
Oliver Karbiener
Büro ABL
Kartäuserstraße 49
79102 Freiburg
www.abl-freiburg.de
Planung und Umsetzung von naturschutzfachlichen Pflegemaßnahmen (Biotop-Pflege, Schmetterling-Artenschutzprogramm) sowie Fachgutachten zu Schmetterlingen (Tag- und Nachtfalter) und Vegetation im süddeutschen Raum.
Mitarbeit am Grundlagenwerk "Die Schmetterlinge Baden-Württembergs" und an der Roten Liste der Schmetterlinge Baden-Württembergs. Methodische und fachliche Konzeption sowie Kartiertätigkeit im Rahmen des landesweiten Nachtfalter-Monitorings Baden-Württemberg.
Befunde zum Insektensterben werden in der öffentlichen Debatte immer wieder relativiert oder angezweifelt. Auffällig ist, dass sich diese Einwände häufig ähneln und weniger auf neue Daten als auf bekannte Argumentationsmuster zurückgreifen.
Die hier vorgestellten Langzeitdaten setzen genau an diesen Punkten an.
Ein häufiges Argument lautet, dass beobachtete Rückgänge auf einzelne Regionen beschränkt seien.
Einordnung: Langzeitdaten aus unterschiedlichen Regionen und Lebensräumen zeigen jedoch vergleichbare Muster. Auch die hier ausgewerteten Daten stammen aus landesweit verteilten Gebieten und umfassen zentrale Lebensraumtypen. Regionale Zufallseffekte lassen sich dadurch weitgehend ausschließen.
Oft wird darauf verwiesen, dass nicht alle Insektenarten zurückgehen und manche sogar häufiger werden.
Einordnung: Tatsächlich nehmen vor allem robuste, wenig spezialisierte Arten zu oder neu hinzu. Diese Zunahmen verdecken jedoch den gleichzeitigen Verlust spezialisierter Arten mit hohen ökologischen Ansprüchen. Entscheidend ist nicht, dass Arten vorkommen, sondern welche.
Dieser Einwand ist fachlich korrekt – wird aber häufig missverständlich eingesetzt.
Einordnung: Biomasse-Daten zeigen das Ausmaß des Rückgangs, sagen aber wenig darüber aus, welche Arten verschwinden und warum. Genau deshalb sind Artendaten notwendig. Die hier vorgestellte Untersuchung ergänzt Biomasse-Befunde um eine systematische Analyse der Artenzusammensetzung.
Immer wieder wird angezweifelt, ob Zeiträume von wenigen Jahren aussagekräftig seien.
Einordnung: Einzelne Erhebungen sind tatsächlich Momentaufnahmen. Aussagekräftig werden sie erst im Vergleich mit historischen Daten. Der besondere Wert dieser Untersuchung liegt im Vergleich aktueller Erhebungen mit belastbaren Artendaten aus mehreren Jahrzehnten.
Der Ruf nach „mehr Differenzierung“ dient häufig dazu, klare Befunde abzuschwächen.
Einordnung: Differenzierung ist notwendig – sie ersetzt jedoch keine Daten. Langzeitdaten ermöglichen genau diese Differenzierung: nach Lebensräumen, Höhenstufen, Artengruppen und Gefährdungsstatus. Pauschale Relativierungen verlieren vor diesem Hintergrund an Tragfähigkeit.
Das Insektensterben verläuft meist leise und schleichend. Gerade deshalb sind Untersuchungen notwendig, die Veränderungen über lange Zeiträume hinweg sichtbar und nachvollziehbar machen.
Die hier vorgestellten Langzeitdaten tragen dazu bei, eine Debatte zu versachlichen, die allzu oft von Zweifel, Verzögerung und Vernebelung geprägt ist.
Die folgende Auflistung dient der Einordnung der Debatte und ersetzt keine Originallektüre.
Einordnung:
Die Studie ist vielfach zitiert, datenbasiert und nicht widerlegt; spätere Arbeiten bestätigen Insektenrückgänge und nutzen den Krefeld-Datensatz.
Einordnung: Es existieren weitere Studien mit vergleichbaren Befunden; die Darstellung als Einzelphänomen ist unzutreffend.
Einordnung: Es handelt sich um eine Biodiversitätsstudie in Schutzgebieten, nicht um eine agrarökologische Studie. Die Charakterisierung als praxisfern ist daher irreführend.
Einordnung: Die Studie basiert auf standardisierten Langzeit-Messdaten (u. a. 16.908 Messtage in 63 Gebieten) und erfüllt die Anforderungen an belastbare Datenerhebung.
Einordnung: Politische Schlussfolgerungen wurden auf valide, peer-reviewte Daten gestützt. Die Bezeichnung als „nicht valide“ ist eine unbelegte Meinungsäußerung und entspricht nicht wissenschaftlicher Praxis.